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Nemo gefunden

Ein Bericht von Antje Borstelmann

Wochenputz im Korallenriff

Angst hat sie nicht, im Gegenteil. Die stechenden Augen punktgenau auf Elisa Gülzows Zeigefinger gerichtet, schlängelt sie sich zwischen den Korallen aus ihrer Höhle heraus, schwimmt der Taucherin ein gutes Stück entgegen. Es ist Mittwoch – und die Zebramuräne hat Hunger. Sie weiß ganz genau: Gülzow bringt den Sonntagsbraten. Krebse und Garnelen, so viel die Muräne verputzen kann.

Dafür lässt sich der Meeresräuber sogar streicheln und im Nacken kraulen. Besucher im Foyer der Sparkasse Rotenburg Osterholz an der Bahnhofstraße in Osterholz-Scharmbeck bleiben unwillkürlich stehen, staunen und zücken die Handys, um das Gesehene in Video oder Foto festzuhalten. Ein Zylinder Tropen mitten in der norddeutschen Tiefebene. 6,70 Meterhoch, 2,5 Meter breit im Durchmesser. Fünf Zentimeter dick ist das Kunststoffglas, hinter dem sich eine ebenso farben- wie formenreiche Unterwasserwelt auftut.

In den 32 000 Litern Meerwasser mit einer konstanten Temperatur von 25 Grad leben bis zu 300 Fische. Wer Nemo oder Dorie, die Titelhelden der US-Animations-Kultfilms „Findet Nemo“ sucht, wird genau hier fündig. Anemonenfische streifen zusammen mit Doktor-, Pfauenkaiser-, Flammenkaiser-, Putzer und gepunkteten Ritterfischen, mit Feenbarschen und Schwalbenschwänzen durch ein meterhohes Riff aus Korallen und Anemonen.

Elisa Gülzow kennt diese Osterholzer Außenstelle des Paradieses wie ihre Westentasche, buchstäblich Zentimeter für Zentimeter. Seit jetzt zweieinhalb Jahren kommt die 29-Jährige zusammen mit ihrer Kollegin Yanett Geier jede Woche einmal in die Sparkassen-Zentrale, um nach dem Rechten zu sehen und sauber zu machen, wo kein ferngesteuerter Magnetreiniger mehr hinkommt.

Oben im zweiten Stock, direkt über dem Aquarium, haben die Mitarbeiter von Mrutzek-Meeresaquaristik aus Ritterhude ihr Domizil: ein paar Quadratmeter für Tauchequipment, tropisch warm und feucht, aber mit Dusche, um das Meerwasser nach dem Tauchgang auch wieder loszuwerden. Dort oben befindet sich der Einstieg ins runde Becken. Wenn sich die Biologin in ihren blauen Tauchanzug gezwängt und mit Luftschlauch und Gürtelgewicht ausgerüstet hat, steigt sie über eine kleine Leiter hinab in eine ganz andere Welt. Eng ist es dort, wenig Platz zwischen Aquariumswand und Korallenriff, jede Bewegung muss kontrolliert und mit viel Bedacht erfolgen, um weder dem zerbrechlichen Ökosystem noch sich selbst zu schaden.

Wodka für die Bakterien

Vorsichtig tastet sich die 29-Jährige Meter um Meter vorwärts, scannt die Glaswand nach Schmutzstellen ab, die mit einem kleinen roten Schaber beseitigt werden. Ein Saugnapf gewährt etwas Halt. Weiter unten, in Bodennähe, ist eine der vielen Pumpenstellen zu kontrollieren, durch die Wasser aus und in den Tank strömt. Allein die beiden Strömungspumpen fördern jeweils 50 000 Liter in der Stunde. Alles läuft durch den „Helgoland1000“ unten im Keller. Der riesige Filter beherrscht den Technikraum, in dem auch die Osmoseanlage zur Herstellung des Meerwassers untergebracht ist. Und die Bar für die „guten Bakterien“, die helfen, alles im Gleichgewicht und sauber zu halten. Einmal pro Tag gibt‘s für sie eine Flasche Wodka ins Wasser – „als Kohlenstoffquelle“, erklärt Elisa Gülzow.

Ihr jetziger Tauchgang und das Aufräumen am Boden kostet Kraft, das sieht man – an den in immer schnellerer Folge aufsteigenden Luftblasen, die aus dem Atemregler der Taucherin wie glitzernde große Perlen im Pulk an die Oberfläche steigen. Penibel begutachtet die 29-Jährige die hinter und unter Korallen versteckten Leitungen und Rohre. Eine Stunde etwa dauert das Reinemachen unter Wasser, ist Gülzow Teil dieser grandiosen Unterwasserwelt und ihrer Bewohner, die alle Besucher der Bank in den Bann zu ziehen vermögen. Besonders Kinder. Deshalb bietet die Sparkasse Rotenburg Osterholz auch regelmäßig Aquariumsführungen vor allem für Kindergärten und Schulen an. Nachfragen können unter Telefon 04281 / 940-7519 an Bettina von Oehsen gerichtet werden.

Quelle: Osterholzer Kreisblatt, Bremer Tageszeitungen AG (Text)

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